„Eine Klasse für sich“

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Proben für ein Live-Hörspiel: Die Jugendlichen des LauschPartie-Projekts.

Sie gehen zum Lachen buchstäblich in den Keller – aber nicht etwa, weil sie keinen Spaß verstünden, sondern ganz im Gegenteil: Die neun Freunde vom „Hörspielkeller“ und die vielen jungen Unterstützer aus dem Haus der Jugend in Eichstätt haben jede Menge Spaß bei ihrem aufwendigen Hobby: Unter dem Label „Lauschpartie“ produzieren sie spannende und unterhaltsame Hörspiele – und das sehr professionell. Dafür wurden sie sogar mit Eichstätter Kulturpreisen ausgezeichnet. Gerade planen sie ihr nächstes Werk, das ab September aufgezeichnet werden soll – und zwar an Eichstätter Schulen. Denn es geht um „Die Referendarin – eine Klasse für sich“. Es soll so etwas werden wie „Stromberg“ – allerdings in Hörform und im Unterricht. Ob Valentin Nowak und die anderen kreativen Köpfe aus dem Hörspielkeller damit auch ganz oben in den Download-Charts landen wie bei ihren „Drei-???“-Parodien, ist wohl eherfraglich – aber sie werden sicher einmal mehr zeigen, was kreative junge Menschen mit viel Herzblut alles schaffen können.

Von Stephan Zengerle

Alles begann mit einem sehr erfolgreichen, aber juristisch offenbar nicht ganz wasserdichten Projekt. So jedenfalls sahen das die Anwälte des Musiklabels Sony Music. Im Gegensatz zu den zahlreichen Zuhörern und Fans fand der Big Player in der Musikindustrie die Parodien seiner erfolgreichen Kinderhörbücher „Die drei ???“ offenbar alles andere als lustig. Ihre Spur führte nach Eichstätt, in den Hörspielkeller, zu Valentin Nowak und seinen Freunden. Die waren aber auch nicht schwer zu finden: Insgesamt mehrere hunderttausend Menschen hatten sich zuvor bereits die Eichstätter Parodien der Abenteuer des berühmten Detektivtrios „Justus, Peter und Bob“ auf YouTube und anderswo im Internet angehört, hatten Fanpost geschrieben und mehr. Große Medien wie „Antenne Bayern“ oder die „Abendzeitung“ berichteten über die Hörspielsenkrechtstarter aus dem Altmühltal und ihren mit alte Matratzen und Handtüchern provisorisch eingerichteten „Hörspielkeller“, der ihrem Projekt auch den Namen gab. Dann wurden sie sogar zur Hörspielmesse nach Hamburg eingeladen, wo natürlich auch die echten „Drei ???“ vertreten waren, und durften ihre neueste Parodie vorstellen.

2009 war das – drei Jahre, nachdem Nowak als 14-jähriger Schüler im Erdkundeunterricht die ersten Ideen für witzige Hörspiele und Parodien gehabt hatte und sich schon wenig später gemeinsam mit seinen Freunden an die Umsetzung gemacht hatte – Zunächst in eben jenem Hörspielkeller. Am Ende aber zog Sony die Reißleine: Weil sie die Bedingungen des Senders nicht hätten erfüllen wollten und Angst vor einem Rechtsstreit mit dem Musikgiganten gehabt hätten, haben sie ihre „Drei-???-Parodien“ inzwischen aus dem Netz genommen, so Nowak. Stattdessen widmet sich das Team nun komplett selbst entwickelten Ideen und Projekten. Die Hörerzahlen erreichen längst nicht mehr die Zahlen früherer Jahre. Aber das Spielt für die jungen Audiokreativtruppe auch nicht die entscheidende Rolle. „Wir haben einfach wahnsinnig viel Spaß dabei“, erzählt Valentin Nowak. „Es ist einfach schön, wenn einem jemand sagt: Da konnte ich abtauchen.“ Oder „Ich musste viel lachen.“ Denn das ist für die Truppe ganz entscheidend: Sie möchten ihr Publikum unterhalten und „lachen machen“ – so das Motto der Eichstätter Hörspiel-Crew.

„Kino für die Ohren“

„Kino für die Ohren“ möchte die Truppe schließlich für ihre Zuhörer schaffen – auch wenn das nicht immer so wörtlich gemeint ist, wie im vergangenen Jahr: Bei den Eichstätter Kulturtagen präsentierte die Truppe vom Hörspielkeller zusammen mit dem Eichstätter Haus der Jugend gemeinsam in dem Jugendprojekt „Lauschpartie“ das Hörspiel „Blackout“, und zwar im Eichstätter Kino. Auch wenn die Leinwand dabei dunkel blieb, kam das Hörspiel bei den Zuhörern bestens an. Rund 600 Stunden Arbeit hatten die rund zwei Dutzend jungen Hörspielfans in das Hörspiel hineingesteckt. Es war bereits die Fortsetzung ihres ersten längeren Hörspiels, dem Jugendkrimi „Verborgen unter Eichstätt“, den die Gruppe bereits zuvor produziert hatte. In ihrem ersten Abenteuer stießen die drei jugendlichen Helden Finn, Leon und Noah bei einem nächtlichen Besuch im Eichstätter Freibad auf ein verborgenes Tunnelsystem unter der Stadt. Sie erkunden die Gänge – doch sie sind nicht allein. Auf die Freunde wartet ein nervenaufreibendes Rätsel. Und auch in „Blackout“ gibt es einige Rätsel zu lösen: Warum wacht Leon plötzlich mit einer schweren Kopfverletzung und ohne sein Handy auf? Hat das etwa auch mit dem Wettbewerb „Klick deines Lebens“ zu tun, den der lokale Radiosender ins Leben gerufen hat? Alle jagen die mysteriösen QR-Codes, die man für den Sieg scannen soll – doch das Spiel zwischen den Schulen droht auszuarten.

Preisgekrönte „Lauschpartie“

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Preisgekrönte Hörspielschmiede: Die Macher von Hörspielkeller mit den Jugendlichen vom Haus der Jugend und dessen Leiter Bernd Zengerle.

Die beiden Hörspiele sind nicht nur spannend, sondern auch immer wieder sehr lustig. Viele witzige Ideen würzen das Ganze. Und sie sind vor allem gut gemacht – ganz besonders für eine Laiengruppe. Wer Schon einmal per Mikrophon einen Text eingesprochen und sich anschließend gewundert hat, wie anders und vor allem wie geleiert und langweilig die eigene Stimme auf Dauer klingt, kann sich auch vorstellen, wie schwierig es ist, ein spannendes Hörspiel von einer Stunde Laufzeit aufzunehmen. „Am Anfang mussten wir sehr viel mit Schauspielerei machen, damit es frei gesprochen klingt“, erzählt Nowak, „Inzwischen sind unsere Sprecher aber schon recht professionell.“ Die Aufnahmen finden inzwischen auch meist nicht mehr im Hörspielkeller statt, sondern meistens im Haus der Jugend oder sogar ausnahmsweise schon einmal im Hörfunkstudio der Journalistik an der Universität Eichstätt. Denn Valentin Nowak studiert inzwischen Journalistik in Eichstätt, der Hörspielkeller war ohnehin nur improvisiert. Was die praktische Radioausbildung angeht, dürfte er dabei im Studium keinerlei Probleme haben. Denn die Hörspiele sind erstaunlich professionell gemacht – vor allem, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Truppe aus Jugendlichen besteht, die einfach Lust hatten, bei dem Projekt mitzumachen. „Wir bleiben da immer offen“, sagt Nowak. Manchmal seien spontan noch Leute dazugekommen. Und auch in der Produktionsphase im Haus der Jugend war die Tür nicht nur sprichwörtlich sondern auch buchstäblich immer offen. Leute seien gekommen und gegangen. „Wir sind da immer offen für Interessenten.“ Jugendhausleiter Bernd Zengerle war sofort begeistert von dem Projekt, der Kreativität und dem großen Engagement der jungen Leute, und hat das Projekt daher von Beginn an voll unterstützt. Der Kontakt war entstanden, als Katrin Schneider vom Hörspielkeller im Jugendzentrum ein längeres Praktikum absolvierte und Jugendhausleiter Bernd Zengerle von den Hörspielen erzählte. Seitdem beteiligten sich unter der Regie von Nowak, Schneider und rund um die ganze Truppe aus dem Hörspielkeller zahlreiche Jugendliche an dem Projekt. Gerade für diese besonders kreative Art „offener Jugendarbeit“ ist „Lauschpartie“ bereits mit dem Eichstätter Kulturhammer, dem KoJa-Jugendpreis und dem KoJa-Publikumspreis der Kommunalen Jugendarbeit im Landkreis Eichstätt ausgezeichnet worden. „Das hat uns natürlich sehr gefreut“, sagt Nowak. Besonders der Publikumspreis bedeute dem Team viel, da er ja auch auf ein junges Publikum zurückgehe. Und die jungen Leute, aber auch Junggebliebene aller Altersschichten wollen die Macher mit ihren Projekten ansprechen und vor allem unterhalten. An Ideen mangelt es dabei nicht.

„Die Referendarin – eine Klasse für sich“

Derzeit planen sie bereits ihr nächstes Werk. Es soll wieder lustig werden – und wird es auch, wenn man den ersten Demo-Track der neuen Serie anhört. In den nächsten Woche sitzen die jungen Macher bereits an den Stories und Konzepten für „Die Referendarin – eine Klasse für sich“. Ab September soll es dann bereits losgehen mit den Aufnahmen für die neue Comedy-Reihe, die ein sehr prominentes Fernsehvorbild hat: „Es soll so etwas werden wie die „Stromberg-Folgen – nur eben als Hörspiel“, sagt Valentin Nowak.

Er ist froh, im Hörspielbereich arbeiten zu können, weil man im Vergleich zu Videoproduktionen einfach ohne viel Geld viel Kreatives schaffen könne. Gerade das, was sich dabei so selbstverständlich anhört, ist aber manchmal alles andere als einfach: die Hintergrundgeräusche. Wenn Autotüren schlagen, Schritte in einem Tunnel hallen oder sich jemand übergibt, wie bei„Blackout“, ist Kreativität gefragt. Denn oft hört es sich gar nicht so gut an, wenn man dabei das reale Leben aufnimmt. „Die Altmühl rauscht in Wirklichkeit einfach nicht“, sagt Nowak. Im Hörspiel aber muss sie das, sonst fehlt einfach die Atmosphäre. Was man nicht hören kann, ist in einem Hörspiel eben auch nicht wirklich da.

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Im Alten Stadttheater Eichstätt feierte das LauschPartie-Team die Premiere des neuen Hörspiels „Blackout in Eichstätt“.

So mussten auch immer Wieder Lösungen gefunden Werden, um verschiedenste Dinge hörbar zu machen. Manche professionell produzierten Geräusche holten sich die Eichstätter Hörspielmacher aus einer Audiodatenbank, viele Geräusche aber haben sie einfach selbst aufgenommen – auch, um das ganze möglichst authentisch zu machen: Der Eichstätter Marktplatz hört sich auch am ehesten nach dem Eichstätter Marktplatz an – jedenfalls, wenn etwas los ist und die Glocken des Doms schlagen.

Klang-Experimente

Aufnahmen im Klo

Kreative Geräusche: Für die Hörspiele wird sogar auf einem Klo experimentiert.

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Ein letztes Mal Durchhören: Bevor das Hörspiel ins Presswerk geschickt wird, überprüfen die Jugendlichen ihr Werk. Über 600 Stunden Arbeit haben sie in das Projekt investiert.

Dabei wurde auch viel ausprobiert und experimentiert – auch hier mit einer gehörigen Portion Spaß, wie Frohnatur Nowak erzählt. Manchmal sind da auch kuriose Dinge herausgekommen: Weil sich in „Blackout“ Protagonist Leon nach einer Gehirnerschütterung übergeben muss, sollte das auch im Hörspiel zu hören sein. Wie aber erzeugt man selbst das passende Geräusch? Am besten tatsächlich über der Kloschüssel, dachte sich die Truppe – allerdings ohne sich den Finger in den Hals zu stecken. Denn das klingt nicht zwangsläufig so, wie man sich das erhofft, und man kann das ganze auch schlecht fünf Mal hintereinander wiederholen. Also Würgegeräusche machen und Wasser ins Klo schütten – fertig. „Das war eigentlich nur als Spaß gedacht. Wir hatten gar nicht damit gerechnet, dass das klappt“, erinnert sich Nowak. „Aber irgendwann klang das so echt, dass wir es echt genommen haben.“ Solche Experimente und Lerneffekte und eine enorm aufwendige, detaillierte Bearbeitung des Stückes im Schnitt – und inzwischen langjährige Erfahrung des Kernteams vom „Hörspielkeller“ ergeben am Ende ein erstaunlich professionelles Endergebnis, das man für 99 Cent bei iTunes und anderen Onlineshops oder auch als CD im Haus der Jugend für vier Euro kaufen kann. Ein bisschen traurig sind Nowak und die anderen schon, dass ihre eigene Versionen der „Drei???-Hörspiele“, in denen die jungen Detektive Justus noch dicker, Peter noch ängstlicher und Bob noch schusseliger sind, als im Original, aber dennoch „jeden Fall lösen“, seit einiger Zeit nicht mehr im Internet stehen können. Sony Music hat sich offenbar noch nicht dazu durchringen können, die Erlaubnis dafür zu erteilen. Denn mit den Stücken erreichten die kreativen Köpfe aus Eichstätt ein sehr breites Publikum – ihr Fall „Schatten über Hollywood“ etwa wurde binnen weniger Wochen rund 150.000 Mal heruntergeladen. Aber auch mit weniger Publikum und vorerst ohne jede Perspektive, dabei wirklich Geld zu verdienen, machen sie weiter – mit viel Engagement, vielen guten Ideen und einem erstaunlich professionellen Ergebnis. Die Altmühl rauscht darin natürlich schön.

Quelle: Eichstätter Journal, Ausgabe 4/2015