Erdbeben im Keller

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bildschirmfoto-2016-09-26-um-22-42-25Eichstätt (DK) Die Aufnahme läuft bereits seit über 1000 Sekunden. Finger greifen nach Chips, füllen Cola nach und schieben Schokolade zwischen die Lippen. „Jetzt holen Sie uns bitte hier raus“, schreit Valentin mit tiefer Stimme und hebt dabei die Fersen vom Fußboden ab.
Valentin Nowak (18), seine Schwester Valérie (14) und seine Freunde Dominik Kirschner (19), Thomas Degen (19) und Katrin Schneider (19) haben sich heute getroffen, um das Hörspiel „Der Aufzug“ aufzunehmen. Hörspiele produzieren – das ist ihr Hobby. Das Team um Valentin nennt sich „tino15“ und besteht aus zehn Jugendlichen. Heute sind sie zu fünft, da sie diesmal nicht so viele Sprecher brauchen.

„Ruhe jetzt!“

„Katrin, das muss fröhlicher klingen“, sagt Valentin und gestikuliert dabei mit seiner rechten Hand in der Luft herum. „Gut, dann machen wir’s einfach noch mal in fröhlich“, antwortet Katrin und lenkt ihren Blick wieder auf das Skript zwischen ihren Händen. Im Hintergrund quatschen Dominik und Thomas leise vor sich hin. „Pssst. Ruhe jetzt!“, schimpft Valentin.
Ihre Aufnahmen finden immer in Valentins Keller statt. So auch heute. Überall hängen Wolldecken und verhüllen die Möbel. Matratzen sind aufgestellt und lehnen an den Wänden. So wird der Schall abgefangen und die Tonaufnahmen klingen professioneller. Eine Tischtennisplatte ist ebenso von Decken umhüllt und dient als Ablage. Darauf: Gläser, Saft, Cola, Wasser, Chips und Schokolade.
Vor gut einem Jahr hat der Erfolg von „tino15“ begonnen. Im Januar 2009 rangierte ihr Hörspiel „Schatten unter Hollywood“, eine Parodie auf die bekannten Hörspiele der „Drei Fragezeichen“, bei den iTunes-Podcast- Charts einen Monat lang auf dem ersten Platz. Über 100 000 Downloads wurden allein im Januar erreicht. Daraufhin wurden die jungen Männer und Frauen zur Hörspielmesse „Die Hörspiel“ nach Hamburg eingeladen, wo sie ein extra für die Messe produziertes Hörspiel präsentierten. Sogar einen Gastauftritt bei Antenne Bayern gab es.
Seither nimmt das „tino15“- Team immer neue Hörspiele auf. Dabei werden die Jugendlichen von Mal zu Mal routinierter. „Als wir vor vier Jahren angefangen haben, haben wir für drei Seiten Text ungefähr vier Stunden gebraucht. Jetzt schaffen wir 30 Seiten in der gleichen Zeit“, erzählt Valentin. Die Geschichten der Hörspiele verfasst Valentin selbst. Es werden eigentlich immer Parodien. Bei dem Hörspiel „Der Aufzug“ werden beispielsweise nervige Warteschleifen bei Call-Centern auf den Arm genommen. „Witzige Hörspiele zu schreiben ist für mich viel einfacher als ernste“, erklärt Valentin.

Hörspiele im Internet

Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „tino15.de“ – das ist die Internetseite, die er selbst gestaltet und wo man auch alle Hörspiele kostenlos herunterladen und anhören kann. „Das T-Shirt haben wir für die Hörspielmesse letztes Jahr extra machen lassen“, sagt Valentin stolz.
Das nächste Ziel von „tino15“: ein kommerzielles Hörspiel produzieren. „Dann bekomme ich vielleicht mal das Geld, das ich für das Equipment ausgegeben habe, wieder rein“, sagt Valentin.
Währenddessen kreischt Valérie panisch: „Der Boden wackelt, das Licht ist aus.“ „Du sollst nicht Opern schreien.“ Valentin unterbricht die Szene. „Stell dir ein Erdbeben vor und kreisch einfach los.“
Finger greifen nach Chips, füllen Cola nach und schieben Schokolade zwischen die Lippen. Noch bis spät in die Nacht nehmen Katrin, Dominik, Valérie, Thomas und Valentin das Hörspiel auf, knabbern und naschen. Valentin weiß: „Wenn keine Süßigkeiten da wären, würden die ja nicht kommen!“

Von Stefanie Starke

Quelle: Donaukurier/Eichstätter Kurier, 19.04.2010

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